Mittwoch, 15. Juni 2016

Eloy: Colours (1980)



Neue Farben im teutonischen Progressive Rock

Anfang der 80er Jahre hatten es viele Prog-Rock–Bands, aufgrund des veränderten musikalischen Zeitgeistes, plötzlich schwer, zu überleben. Viele Bands wandelten sich und fingen an, kürzere und einfachere Songs zu schreiben. Eloy hatten den Übergang von den 70ern zu den 80ern im Vergleich dazu recht gut überstanden. Aber zuerst einmal die Geschichte dazu:

Im Herbst 1979 stand die nächste große Bandumstellung bei Eloy an. Keyboarder Detlev Schmidtchen und Schlagzeuger Jürgen Rosenthal, welcher auch seit „Dawn“ für die Texte verantwortlich war, verließen die Band. Schon während den Aufnahmen zum Vorgängeralbum „Silent Cries and mighty Echoes“ kam es zu Spannungen innerhalb der Band, die zuletzt während 1979 noch einmal tourten. Infolge dessen traten Schmidtchen und Rosenthal bei Eloy aus, um sich dem gemeinsamen Projekt „Ego on the Rocks“ zu widmen. Damit war die „legendäre Eloy-Besetzung“ dahin. Im Gegensatz zur ersten großen Bewährungsprobe 1975, war Mastermind Frank Bornemann dieses Mal aber nicht alleine. Bassist Klaus-Peter Matziol wollte bleiben, und dabei helfen, die neuen Eloy zu formieren. Man fand die neuen Musiker in Form von Hannes Arkona und Hannes Folberth. Gitarrist Hannes Arkona war bereits auf der Tour 1979 als Zweitgitarrist dabei und kannte den Pianisten Hannes Folberth. Dieser sollte wiederum die Lücke bei den Keyboards füllen. Jim McGillivray wurde neuer Schlagzeuger – und fertig war die neue Eloy-Besetzung. Schon im Frühjahr 1980 begannen die Aufnahmen zum neuen Album. Aufgrund des Zeitdrucks seitens der Plattenfirma, konnte dieses Mal allerdings kein pompöses, ausuferndes Konzeptalbum geschaffen werden, wie es die Alben vorher waren. Das neue Album trägt den Namen „Colours“ und das hört man auch! Es ist einerseits rockiger, aber andererseits auch bunter, lebendiger und fröhlicher als die vielleicht etwas zu düster und mystisch daherkommenden Vorgängeralben. Alle Songs sind unter 10 Minuten lang, das längste Lied dauert gerade einmal 07:20 Minuten. Auch verschwanden zum Großteil die ausufernden Instrumentalpassagen und atmosphärischen Keyboard-Flächen, dafür wurde alles etwas straffer und knackiger.

Auf dem Album befinden sich folgende Songs:

1.      Horizons                                        (Lyrics: Jim McGillivray)
2.      Illuminations                                (Lyrics: Jim McGillivray)
3.      Giant                                              (Lyrics: Sonja Brown)
4.      Impressions                                  (Lyrics: Sonja Brown)
5.      Child Migration                            (Lyrics: Jim McGillivray)
6.      Gallery                                          (Lyrics: Jim McGillivray)
7.      Silhouette                                     (Lyrics: Jim McGillivray)
8.      Sunset                                           (Lyrics: Jim McGillivray)

Die remasterte Version beinhaltet zusätzlich folgende Bonustracks:

9.      Wings Of Vision                           (Lyrics: Jim McGillivray)
10.  Silhouette (Single Edit)                 (Lyrics: Jim McGillivray)

Alle Songs wurden von Eloy geschrieben und arrangiert. Produziert wurde das Album in den Horus Sound Studios Hannover von Eloy und Frank Bornemann.

Die neu formierte Band besteht im Detail aus folgenden Musikern:


  • Frank Bornemann: Acoustic and Electric guitars, Lead vocals
  • Klaus-Peter Matziol: Bass guitars, Vocals
  • Hannes Arkona: Acoustic and Electric guitars
  • Hannes Folberth: Keyboards, Synthesizer and Piano
  • Jim McGillivray: Drums, Percussion and Lyrics (except tracks 3 and 4)


Weitere Musiker, die am Album beteiligt waren, sind:

  •  Edna and Sabine: Vocals on „Horizons“


Für die Songtexte wurde wieder der Schlagzeuger engagiert, mit Ausnahme des dritten und vierten Songs. Das Albumcover wurde von Winfried Reinbacher entworfen und gehört zu den schönsten Covern die ich kenne. Es zeigt auch, in welche Richtung die Songs gehen sollen. Thematisierten die Songs der zwei Vorgängeralben „Ocean“ und „Silent Cries and mighty Echoes“ meist recht dunkle Szenarien, geprägt von Weltuntergängen, Ende der Menschheit etc., so sind die Songs auf „Colours“ spürbar fröhlicher, munterer und naturverbundener.


Gleich im ersten Song werden diese Themen aufgegriffen. „Horizons“ brilliert durch Frauengesang und massiven Einsatz des Clavinets und hebt sich dadurch gleich zu Anfang des Albums deutlich ab. In dem von Jim McGillivray geschriebenen Text wird die Naturverbundenheit deutlich:

sunbeams dancing in your mind
blue larks embracing sunlight
lotus of petals glistening
cool shade of wise trees listening
dawn of light lies between silence
chased amid fusions of wonder
revealing corridors of time
pictures of redescending distance
love colours sent within us
our endless caress for freedom
dawn of light lies between silence
chased amid fusions of wonder
revealing corridors of time
pictures of redescending distance
love colours sent within us
our endless caress for freedom

Ich könnte mir dieses sphärische Lied immer wieder anhören. Es ist einfach wunderschön.

Das darauffolgende „Illuminations“ ist ein weiteres gutes Beispiel für die neuen Eloy. Die Sounds sind teilweise viel spaciger als auf den Vorgängeralben und kurze Gitarren-Riffs gesellen sich dazu. Insbesondere die Keyboard-Flächen wurden durch vielfältige Synthie-Sounds ersetzt. Durch die vielen E-Gitarren entsteht ein viel rockigerer Gesamtsound. „Giant“ fängt dagegen ganz in alter Eloy-Manier mit den atmosphärischen ARP-String-Flächen an, um dann in einen lockeren Rocksound zu münden. Immer wieder sind sehr schöne Melodiebögen aus Synthesizern und ARP-Strings zu hören, ehe der Song in einen von Keyboards getragenen Instrumentalteil übergeht, eh zum Schluss wieder Bornemanns vertraute Stimme erklingt. Allgemein muss man sagen, dass sich sein Gesang im Vergleich zu den Vorgängeralben (auf denen er teilweise sehr akzentuiert sang…) verbessert hat. „Impressions“ besticht durch ein sehr schönes Flötensolo, dessen Musiker allerdings nicht erwähnt wird, ansonsten ist dieses schöne kurze Lied recht kurzweilig. Anschließend folgt „Child Migration“ – der längste Song des Albums und mein Favorit. Ursprünglich wurde der Song im Jahr 1979 zum Anlass des „Jahr des Kindes“ komponiert. Tatsächlich findet man diese Version als Bonustrack der Neuauflage von „Silent Cries and mighty Echoes“. Die Album-Version auf „Colours“ unterscheidet sich allerdings deutlich von der ursprünglichen Version, da sich Bornemann dazu entschied, den Song komplett umzuschreiben. Der Text wurde auch fast vollständig verändert. Im Endeffekt entstand so ein ziemlich abwechslungsreicher Rocksong. Alleine das Intro fängt schon interessant an, ansonsten wechseln sich rockige Gitarrenriffs und sphärische Keyboard-Sounds immer wieder ab. Mit „Gallery“ folgt der in meinen Augen einzige Tiefpunkt des Albums. Das recht poppig daherkommende Lied mit einer Länge von 03:22 Minuten ist für meinen Geschmack viel zu hecktisch und auf Dauer einfach nur nervig. Zum Glück wird man mit dem nachfolgenden Song wieder entschädigt. „Silhouette“ fängt ganz wunderschön-dezent an und wirkt mit dem vielen Klavier und Clavinet fast schon klassisch. Auch hier ist der blumige und naturverbundene Songtext zu erwähnen:

she grew like the blossming oak tree
a fountain of magic spells
her mind was of sunshowered beauty
we once knew so well
her roots understanding of earth seeking silently
branches of arching embrace and serenety
flowers revealing the secret of her own mystery
her fruit offering endless desire for true love and harmony

Nach diesem farbigen Intro artet der Song allerdings in einen gradlinigen Rock-Song aus. Für Eloy-Verhältnisse geht dieser Song ziemlich nach vorn. Irgendwie erinnert mich das Lied an „Eye of the Tiger“ von Survivor, auch wenn dieses erst ein Jahr später erschien. Zum Ende von „Silhouette“ gibt es dann noch ein knackiges Gitarrensolo zu hören. Seinerzeit wurde das Lied auch als Single ausgekoppelt – ohne das schöne Intro. Das Abschließende Stück „Sunset“ ist wiederum rein instrumental und wirkt mit der Akustikgitarre und dem Synthesizer sehr sphärisch. Wie auch schon „Horizons“, schafft es der letzte Song einen bunten und sehr lebhaften Eindruck zu hinterlassen und eh Mann sich versieht, ist das Album vorbei. Mit einer Gesamtspieldauer von nur knapp 40 Minuten (ohne Bonustracks) ist es etwas kürzer als die vorigen Eloy-Alben.

Als Bonustracks gibt es zum einem das sehr kommerzielle „Wings of Vision“, welches sich deutlich vom gewohnten Eloy-Stil absetzt, sowie die erwähnte Single-Version von „Silhouette“.


ZUSAMMENFASSUNG

Eloy haben den Übergang in die 80er Jahre gut überstanden. „Colours“ beinhaltet sowohl kürzere und gradlinigere Lieder, als auch längere, verspieltere und komplexere Lieder. Insgesamt klingt das Album deutlich frischer als seine Vorgänger. Songs wie „Horizons“ und das abschließende Instrumental „Sunset“ sind in ihrer Art außergewöhnlich und wunderschön. Auffällig ist der hohe Anteil an elektrischen Gitarren, wodurch auch ein insgesamt rockigerer Eindruck entsteht. Weniger Symphonic-Rock, dafür mehr verspielter und farbenfroher Artrock. Die Songs sind spürbar fröhlicher und gelöster, auch wenn diese nicht als Ganzes im Kontext eines Konzeptalbums stehen. Ich würde es vielleicht mit „DUKE“ von Genesis vergleichen, welches zu selbiger Zeit erschien und seinerzeit sowohl Fans als auch Kritiker zufriedenstellte. „Colours“ ist jedenfalls in meinen Augen das letzte gute Eloy-Album, welches irgendwie noch den Sound der 70er Jahre einatmet, aber mit dem anderen Fuß schon in den 80ern steht. Jedenfalls kann man das Album immer wieder hören, es zählt auch zu meinen meistgehörtesten Eloy-Alben. Ich bin mit dem Endergebnis voll zufrieden, nur auf „Gallery“ hätte man vielleicht verzichten können. Im Kontext einer 15-Punkte-Skale würde ich es vielleicht mit 13 Punkten bewerten wollen. Also, wer etwas leichteren Prog-Rock hören möchte, oder sich mit Eloy näher beschäftigen möchte, der kann die „Colours“ ruhig kaufen. Eloy-Fans sollten dieses Album ohnehin besitzen.

Quellen:

  • Booklet zum Album
  • Discogs.com
  • Eloy - Legacy

Montag, 2. Mai 2016

HAKEN: Affinity (2016)

So muss Prog im Jahr 2016 klingen!

HAKEN zählen sicher zu den interessantesten Bands im Prog-Genre der letzten Zeit. Man kann sie sogar durchaus als neuen aufsteigenden Stern am Prog-Metal/Prog-Rock – Himmel bezeichnen. Ich hab Sie 2014 eher zufällig entdeckt, weil mir seinerzeit Amazon.de ihr letztes Album „The Mountain“ (2013) ständig vorgeschlagen hatte. Eigentlich bin ich ja kein Freund von Blindeinkäufen, aber DAS war damals ein echter Glückstreffer. Dieses Album war (und ist es immer noch!) sehr stark, gefühlvoll, kreativ und vor allem abwechslungsreich – für manche gar schon zu abwechslungsreich. Dagegen sahen selbst Dream Theater recht alt aus. Die EP „Restoration“ (2014) sollte man in diesem Zusammenhang auch erwähnen – war doch dieses Minialbum und Appetithäppchen auf die möglicherweise nächste Großtat ebenfalls sehr facettenreich. Dementsprechend waren meine Erwartungen an den nun vorliegenden Nachfolger „Affinity“, der wieder bei InsideOut Music erscheint, sehr hoch. Die große Frage: Wie mag es denn nun klingen? Gitarrist Charlie Griffiths machte mich im Vorfeld durch Aussagen, dass man sich bei den Aufnahmen des neuen Albums von Alben wie 90125 von Yes (1983), Toto IV (1982) oder Three of a Perfect Pair von King Crimson (1984) inspiriert haben lasse, noch neugieriger. Geht es jetzt etwa in die 80er Jahre? Zeichnete sich doch vor allem der Vorgänger „The Mountain“ stark durch Gentle Giant – Einflüsse aus. Nun ist man also im nächsten Jahrzehnt gelandet. Dazu passen auch das Albumcover sowie die ganze Aufmachung des neuen Albums. Die von mir erworbene Limited Edition sieht sehr retro aus. Man fühlt sich plötzlich in das Ende der 80er Jahre versetzt, als Computer nach und nach unsere Welt eroberten und CDs das Nonplusultra waren. Lustige Details: Zum einem wird das Compact Disc – Logo auf der Vorderseite des Covers schon verwendet und zum anderem taucht das gute alte, mysteriöse DDD wieder auf. Soll heißen, es wurde digital aufgenommen, digital gemischt und digital produziert. Auch das war Ende der 80er Jahre ein Highlight. HAKEN möchten absichtlich diesen 80er – Style verwenden. Das Mediabook tut sein übriges und ist mit den vielen Illustrationen ebenfalls im Retro-Stil der 80er Jahre gehalten. Sehr schick! Gut, soviel zum Äußeren. Doch wie mag das neue Album nun klingen? Wer hat welche Songs geschrieben? Wer hat alles mitgewirkt und wer hat das Album produziert? Als Produzent wurde wieder Jens Bogren engagiert, welcher auch schon für Opeth, Symphony X oder James LaBrie (Dream Theater) tätig war.

Die Standard-CD enthält folgende Songs (Insofern die 2CD-Version gekauft wurde, gibt es auf der zweiten CD die instrumentalen Versionen (!) der Songs):

1)         affinity.exe                 [1:24]
2)         Initiate                        [4:16]
3)         1985                           [9:09]
4)         Lapse                          [4:44]
5)         The Architect              [15:40]
6)         Earthrise                     [4:48]
7)         Red Giant                   [6:06]
8)         The Endless Knot        [5:50]
9)         Bound by Gravity        [9:29]

(All music and words written by Haken.)

Wie man anhand der Credits erkennen kann, waren alle Musiker der Band am Kompositionsprozess des Albums gleichberechtigt beteiligt. Daneben wirkten auch zwei Gastmusiker mit. Im Detail waren das:

HAKEN:

  • Ross Jennings – Vocals
  • Diego Tejeida – Keyboards and Sound Design
  • Richard Henshall – Guitar
  • Charlie Griffiths – Guitar
  • Conner Green – Bass guitar
  • Raymond Hearne – Drums

Guests:

  • Einar Solberg – Additional Vocals on „The Architect“
  • Pete Rinaldi – Acoustic Guitar on „Bound of Gravity“

Eröffnet wird das Album vom Opener und Titelsong „Affinity.exe“, welcher aber lediglich ein Intro zum Nachfolgenden „Initiate“ ist. Dieser Song war schon im Vorhinein samt Musikvideo verfügbar. Es ist ein typischer Prog-Metal Song, anfangs recht unspektakulär aber dann doch ganz nett anzuhören. Konnte mich das erste Lied noch nicht wirklich überzeugen, so schaffte es dann aber der nachfolgende Longtrack „1985“. Der Name deutet es schon an – es ist eine Reminiszenz an die guten alten Achtziger. Dies hört man sofort heraus. Elektrische Drums (Drumsamples?) und typische 80er-Jahre-Keyboardsounds machen sich sofort bemerkbar. Alleine das abwechslungsreiche Intro zeigt offensichtlich, wie HAKEN ihren Sound verändert haben. Mit zunehmender Länger nimmt der Song an Fahrt auf und steigert sich gegen Ende in ein wahres Prog-Inferno. Die Band kann hier das erste Mal ihre Stärken ausspielen. „1985“ ist das erste Highlight des Albums. Meine Empfehlung: laut hören! Moderner wird es wieder mit dem kurzweiligen „Lapse“. Ruhige und laute Passagen wechseln sich ab, inmitten des Songs gibt es einen stimmigen Instrumentalteil der Spaß beim Zuhören macht. HAKEN zeigen, dass man auch gekonnt Prog in nicht mal 5 Minuten hinbekommen kann.
Das darauffolgende „The Architect“ ist das längste Lied des Albums. Großartige Melodien eröffnen den Song, der Refrain sorgt für den nötigen Bombast und das Schlagzeug-Spiel von Raymond Hearne sucht seinesgleichen. Ab der Mitte des Songs gibt es eine brilliante Gitarrenlinie, ehe der Höhepunkt erreicht wird. Einar Solberg von der norwegischen ProgMetal Band Leprous hat hier seinen kurzen Gastauftritt. Mit seinen Growls (dauern gerade mal eine Minute) gibt er dem Song die nötige Schärfe und Aggressivität. „The Architect“ ist zweifelsfrei ein weiteres Highlight, wenn nicht gar das beste Stück des Albums. Nach dieser intensiven Viertelstunde darf es mit „Earthrise“ gerne etwas seichter werden. Dieses eingängige, fröhliche Pop-Rock Liedchen ist im Gegensatz zum groben Rest am Eingängigsten, ohne aber in zu flachere Gewässer abzudriften. In einer gekürzten Fassung, könnte ich mir den Song auch durchaus im Radio vorstellen. Jedenfalls ist „Earthrise“ die perfekte Verschnaufpause und macht einem für das nächste Großtat fit. Diese folgt in Form des ArtRock-Songs „Red Giant“. Auch hier präsentieren HAKEN ihren modernen Sound. Die erste Hälfte des Liedes ist recht ruhig gehalten, ab der zweiten Hälfte wird es dann vielseitiger. Dort wo „Red Giant“ aufgehört hat, macht „The Endless Knot“ weiter. Vertrackte Rhythmen, brachiale und dann wieder schöne Gitarrenläufe und ein grandioses Bassspiel zeigen, dass HAKEN trotz manch ruhiger Songs immer noch anspruchsvollen progressiven Metal spielen können. Zum Schluss folgt noch ein weiterer Longtrack namens „Bound by Gravity“. Dieser steht wieder im Kontrast zum vorherigen Song. Der Song harmonisch, atmosphärisch, melancholisch und beruhigend. Ein schöner und versöhnlicher Schluss. Und ehe man sich versieht ist eine gute Stunde vorbei und das Album zu Ende. Es hinterlässt definitiv einen ausgezeichneten Eindruck.

Allen Fans empfehle ich auch die 2-Disc-Version, welche zusätzlich die instrumentalen Varianten der Songs beinhaltet. Es ist eine ganz andere Erfahrung ein Album komplett instrumental zu hören. Die Songs eigenen sich durchaus dafür. Im Nachhinein hätte ich mir auch gerne eine Instrumental-CD zum Vorgängeralbum gewünscht.

Die Musiker

…hatten hörbar Spaß am Produzieren des Albums. Alle agieren auf gewohnt hohem Niveau und mit einer Leichtigkeit und Freude die seinesgleichen sucht. Ross Jennings Gesang ist wie gewohnt angenehm und warm, kann aber auch wenn nötig die nötige Härte verbreiten. Seine Gesangsleistung ist insgesamt sehr gut. Was den Sound angeht, so stechen die Keyboards von Diego Tejeida natürlich besonders hervor, ohne aber zu dominieren. Denn die beiden Gitarristen sorgen sehr wohl für die nötigen Kontraste. Die Gitarrenlinie zum Ende von „The Architect“ ist so z.B. große Klasse. Aber auch sonst ist das typisch gewohnte Gitarrenspiel von HAKEN wahrzunehmen. Erwähnt werden sollte auch Bassist Conner Green. Dieser zeigt auf „Affinity“ seine Stärken und spielt sehr schöne Basslinien. Mit ihm haben HAKEN definitiv ‚einen guten Fang gemacht‘.

ZUSAMMENFASSUNG

Zu allererst: Befürchtungen, das Album würde sich zu sehr an den Sound der 1980er Jahre orientieren, sind zum Glück unbegründet. Natürlich ist der Song „1985“ eine großartige Reminiszenz an die goldenen 80er, die restlichen Lieder sind allerdings von einem modernen, kraftvollen Sound gekennzeichnet (z.B. „Red Giant“). Das ganze Album bietet dem geneigten Hörer eine Menge zu entdecken. Es ist sehr abwechslungsreich und sprudelt teilweise nur voller Ideen. Wohlmöglich wird man auch hier zuerst von dieser Fülle an Ideen erschrocken sein. Wenn man das Album dann aber ein paar Mal durchgehört hat, wird man garantiert seine Freude daran habe, denn trotz mancher Veränderung im Sound sind es immer noch unverkennbar HAKEN die hier spielen. Meine Highlights sind „1985“, „The Architect“ und „Red Giant“. Vor allem hat mir das furiose „The Architect“ sehr gefallen. Die  restlichen Songs konnten aber auch (fast) ausnahmslos überzeugen. Das muntere „Earthrise“ sorgt für die nötige Pause inmitten des teilweise sehr intensiven Gefüges („The Architect“ und „Red Giant“) und „Lapse“ zeigt, wie man gekonnt Prog in nicht mal 5 Minuten hinbekommt. Einzig der erste Song „Initiate“ konnte noch nicht wirklich Anklang finden. Für mich ist das auch das schwächste Lied des Albums. Vielleicht kommt das aber noch. Auf jeden Fall ist die Anordnung der Tracks genau richtig inszeniert. Genau so muss es sein!

Man muss das Album definitiv mehrere Male durchgehört haben, um es vollständig erschließen zu können. Das Album benötigt und verlangt Zeit. Wenn einen das Album dann aber überzeugt hat, wird man garantiert seine Freude daran haben. Ja, „Affinity“ macht einfach Spaß. Vielleicht schafft es „Affinity“ ja, Album des Jahres zu werden. Auch wenn dieses noch relativ jung ist, haben die Jungs von HAKEN die Messlatte schon mal relativ hoch gelegt. So muss nämlich guter Prog im Jahr 2016 klingen!

Zum Schluss noch die Sache mit „The Mountain“:
Ich war anfangs natürlich auch etwas verunsichert, ob das neue Album nun vollständig überzeugen kann. Ihr letztes Album „The Mountain“ (2013) ist, wie erwähnt, immer noch eins meiner persönlichen Lieblinge mit einer nahezu perfekten Inszenierung. Kann das neue Album das Niveau halten oder gar übertreffen? Zu allererst noch einmal: Das Album ist definitiv anders! Man darf kein zweites „The Mountain“ erwarten. Der Sound ist moderner, vielleicht auch ein Stück weit elektronischer, geworden. „Affinity“ konnte mich mittlerweile voll überzeugen und an den hochgelobten Vorgänger anknüfen. Ja, beide Alben sind mich gleichwertig und gleichermaßen gut inszeniert. Nein, keine Sorge „Affinity“ ist trotz mancher Veränderungen immer noch 100 % HAKEN. Ich hoffe, dass die Jungs von HAKEN weiterhin ihren Spaß haben und noch weitere erstklassige Alben produzieren werden.

(Wenn ihr Fragen, Anmerkungen oder Kritik bezüglich meiner Rezension habt, dürft ihr dies gerne in den Kommentaren kundtun.)

Fotos (eigene Fotos):  





(Die Fotos dürfen nur mit Genehmigung des Urhebers/Fotografen weiterverwendet werden!)

Samstag, 16. April 2016

AnnenMayKantereit: Wird schon irgendwie gehen (EP, 2015)


Der neue aufstrebende Stern am Deutsch-Pop-Rock-Himmel

AnnenMayKantereit sind derzeit sowas wie der neue, aufstrebende Stern am Deutsch-Pop-Rock-Himmel. Die Band, welche gerne auch als „Deutschlands erfolgreichste unbekannte Band“ bezeichnet werden, entwickeln sich derzeit immer mehr vom Geheimtipp zur gefragten Publikumsmagneten. Im letzten Jahr (2015) veröffentlichten die Jungs aus Köln ihre erste EP (EP = Extended Play, also länger als eine normale Single).
Die fünf Songs thematisieren ganz alltägliche Dinge wie Freundschaft, Liebe und Liebeskummer und Verlust. Die Texte sind ehrlich und kommen vom Herzen. Jemand bezeichnete ihre Musik mal als „tanzbare Melancholie“. Sänger und Pianist Henning May zeichnete sich für die Lyrics verantwortlich. Auffällig ist seine schöne, tiefe, raue Stimme – letztendlich auch ein Stück weit so etwas wie ein Markenzeichen der Band. Böse Zungen haben diese Musik und die Texte als „Studentenmusik“ abgetan, aber diese Abwertung kann ich in keinster Weise nachvollziehen, und ich denke auch dass die Jungs wissen, was wir Fans von Ihnen und ihrer Musik halten. Die Band muss sich nicht verstecken und tut es auch nicht! Alleine schon der erste Song „Jeden Morgen“ zeigt das unglaubliche Potenzial dieser jungen Band. Auch wenn manche den Text als vielleicht zu platt („…Ich würd‘ viel lieber von Dir träumen…“) empfinden, lädt das Lied zum Träumen und Verweilen ein. Diese Musik ist Erholung für den Geist. Der nächste Song „21, 22, 23“ ist viel kantiger und macht unglaublich Spaß. Dazu trägt der augenzwickende Text bei („Du tanzt nicht mehr wie früher!“). Hennings raue Stimme passt zudem wunderbar zu diesem Stück. 
Der nächste Song „3. Stock“ geht dann wieder in eine ganz andere Richtung. Auf einmal wird es romantisch-melancholisch, gar schwermütig bis depressiv. Es ist eine Herzschmerz-Ballade – aber keineswegs eine flache sondern zutiefst aufrichtige! Ich hab beim ersten Hören des Liedes sofort eine Gänsehaut und feuchte Augen bekommen. Dieser Song geht unter die Haut – er strotzt nur voller Sehnsucht und Melancholie. Jeder, der eine derartige Zeit schon mal durch gelebt hat, wird von diesem Song auf tiefste berührt sein. Solche Musik ist einfach Balsam für die Seele. Das darauffolgende „Nicht nichts“ haut in dieselbe Kerbe, er ist weniger emotional aber immer noch melancholisch – „tanzbare Melancholie“ eben. In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal Henning Mays hervorheben – seine Stimme passt eben auch perfekt zu diesen bedrückten Liedern.   
Als letztes wird es wieder emotionaler. „Oft gefragt“ ist eins der besten Deutschrock-Songs die ich in letzter Zeit kennen lernen durfte. Der Text ist berührend, die Betonung des Klaviers sowie der spätere Einsatz der vollen Band passen wunderbar zum Song – sehr gut arrangiert. Die Musik ist einfach unglaublich schön – eigentlich würden mir Hennings Gesang und sein Klavierspiel ausreichen. Der Text ist übrigens laut Aussagen von Sänger Henning May an seinem Vater adressiert – es passt allerdings auch als Liebeserklärung an die eigene Mutter.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass dieses Minialbum nahezu perfekt ist. Die Songs sind allesamt gut bis sehr gut. Was mir so sehr an AnnenMayKantereit gefällt, ist ihre Musik. Diese ist handgemacht, ehrlich, aufrichtig und kommt ohne technische Gadgets aus. Auch den Produzenten gebührt ein Dank, denn alle Songs konnten die Live-Energie der Band hervorragend wiedergeben. Ich kann gar nicht anders, als für die EP fünf von fünf Sternen zu vergeben. Jungs, macht bitte so weiter, bleibt Euch bitte treu und bleibt beim Deutschrock! 


Bildquelle: Amazon.de / Link: http://ecx.images-amazon.com/images/I/91V5FeGkY5L._SL1500_.jpg. Abgerufen am 16.04.2016