Samstag, 19. August 2017

Steven Wilson: To the Bone (August 2017)




Gekonnte Gratwanderung zwischen Pop und Prog



Am 18. August erschien das neue Album des Masterminds Steven Wilson, welches den Titel „To the Bone“ trägt. Wilson geht mit dem Album wieder in eine andere Richtung und kündigte vorab an, dass es sehr durch die Musik von Peter Gabriel, Kate Bush  oder Talk Talk beeinflusst sein soll. Das klingt verlockend, waren dies doch alle große Alben des 80er Art-Rocks / Art-Pops. Auch das stylische Albumcover – welches wieder von Lasse Hoile entworfen wurde – trägt dazu bei. Ich war auch dieses Mal sehr gespannt, was Steven Wilson gezaubert hat. Sein Vorgängeralbum „Hand. Cannot. Erase“ ist für mein Geschmack immer noch perfekt – habe es die Woche gerade wieder im Surround gehört. Auch die nachfolgende EP „4 ½“ hatte viele nette Momente („My Book of Regrets“, „Vermillioncore“ und auch „Happiness III“).


An dem Album sind folgende Musiker beteiligt gewesen:

·         Steven Wilson – guitars, vocals, bass, keyboards and production
·         Adam Holzman – keyboards
·         Craig Blundell – drums
·         David Kollar – guitars
·         Jasmine Walkes – spoken word on „To the Bone“
·         Jeremy Stacey – drums
·         Mark Feltham – harmonica on „To the Bone“ and „Refuge“
·         Nick Beggs – bass, Chapman stick
·         Ninet Tayeb – vocals on „Pariah“ and „Blank Tapes“, background vocals on „To the Bone“, „Permanating“ and „People Who Eat Darkness“
·         Paul Stacey​ – guitars on „Refuge“
·         Sophie Hunger – vocals on „Song of I“

Neben alten Bekannten wie Adam Holzman und Nick Beggs sind auch viele neue Musiker mit dabei, wie David Kollar oder Mark Feltham. Dafür aber kein Marco Minemann am Schlagzeug, kein Guthrie Govan an der Leadgitarre. Sattdessen soll Wilson verstärkt Gitarre gespielt haben.

Das Album wurde von Steven Wilson selbst wieder produziert, mit Unterstützung von Paul Stacey.

Folgende Songs sind auf dem Album zu finden:

1.                  To the Bone
2.                  Nowhere Now
3.                  Pariah [feat. Ninet Tayeb]
4.                  The Same Asylum as Before
5.                  Refuge
6.                  Permanating
7.                  Blank Tapes [feat. Ninet Tayeb]
8.                  People Who Eat Darkness
9.                  Song of I [feat. Sophie Hunger]
10.              Detonation
11.              Song of Unborn

Die vorab veröffentlichten Songs deuteten schon eine gewisse Veränderung, eine Weiterentwicklung seines Stils an (gefühlt poppiger). Doch jetzt liegt das komplette Album vor, welches ich hiermit mal kurz durchsprechen möchte.

Es geht gleich los mit dem titelgebenden Song „To The Bone“. Wir hören zuerst gesprochene Worte von Jasmine Walkes, ehe eine von Mark Feltham gespielte Mundharmonika einsetzt. Nach diesem atmosphärischen Intro folgt die bekannte Stimme Wilsons, ehe ein eher eingängigerer Rock-Part beginnt. Im gefälligen Refrain ist auch die israelische Sängerin Ninet Tayeb herauszuhören. Spannend wird es, als ein kurzer, aber treibender Instrumentalteil einsetzt. Zum Schluss blüht der Song wahrlich auf. Als Einstieg in das Album definitiv kein schlechter Song. Weiter geht’s.
Mit „Nowhere Now“ folgt ein poppiger Rocksong. Besonders der Refrain geht ins Ohr. Daneben besticht der Song aber durch einen groovigen Sound und tollen Melodien auf der Gitarre. An beiden Songs wirkte übrigens XTC-Songwriter/Gitarrist Andrew „Andy“ Partridge beim Songwriting mit.

Als nächstes folgt „Pariah“, der auch schon lange vor dem Erscheinen ausgekoppelt wurde. In seiner Form ist es quasi der typische melancholische-depressive Steven Wilson Song. Und hier ist Ninet Tayeb mit ihrem grandiosen Gesang im Refrain dabei. Wisst ihr woran ich zuerst gedacht habe? Genau: Don’t Give Up von Peter Gabriel mit Kate Bush. Gewisse Ähnlichkeiten sind vorhanden. Beide Songs sind in den Strophen eher verzweifelnd und depressiv, während der Refrain aufmunternd wirken soll. Zum Ende von Pariah gibt es noch ein großes Finale – ein atmosphärisches Ende. Gefällt mir sehr! Ich nenne diesen Teil inzwischen Coldplay-Teil (bezogen auf das Album Mylo Xyloto mit den Einflüssen von Brian Eno). Jup, „Pariah“ ist ein guter Song, hat sich aber mittlerweile vom vielen Hören ein wenig bei mir abgenutzt (aber dafür kann der Song nichts).

„The Same Asylum as Before“ ist dagegen viel rockiger. Schönes Gitarrenriff. Ich musste zuerst so lachen, als Wilson in den Strophen falzet singt. Kann man machen. Der Refrainist aber noch bessser und geht wahrlich ins Ohr. „The Same Asylum as Before“ macht einfach Spaß beim Zuhören. Porcupine Tree lassen grüßen! Ein richtig guter Song!

„Refuge“ handelt von der Not syrischer Flüchtlinge. Der Song beginnt ganz verhalten mit Klavierbegleitung und steigert sich immer weiter. Wilson unterstreicht mit dem zurückhaltend instrumentierten Gesangsteil den emotionalen Text. Der Gesangsteil mündet schließlich in einen ergreifenden Instrumentalteil, der mit einem Mundharmonika-Solo eingeleiter wird und immer großartiger wird. Ein Gitarrensolo von Paul Stacey​ und Wilson am Synth. Ich höre hier sehr viel Pink Floyd heraus. Das hier ist Steven Wilson wie man ihn kennt, wie ich ihn mag. „Refuge“ ist grandios. Eins der Highlights des Albums.

„Permanating“ gehört wohl zu den poppigsten Songs, die ein Steven Wilson bisher geschrieben hat – dazu noch geradezu fröhlich. Die ABBA-Einflüsse sind nicht zu leugnen. Man hört im Refrain fast schon Mamma Mia raus. Dennoch klingt es auch etwas nach Coldplay. Ich muss gestehen, dass ich den Song zunächst etwas zu übertrieben fand. Nach einer Weile – mit dazugehörigem Bollywood-Musikvideo – hat sich der Song aber in meinem Kopf festgesetzt und wurde zum fröhlichmachenden Ohrwurm. Ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass mir „Permanating“ mittlerweile sehr gefällt. Ein perfekter Song für den Sommer!

Das kurze „Blank Tapes“ ist dagegen ein ziemlicher Kontrast und dient zum Verschnaufen. Auch hier singt Ninet Tayeb im Refrain mit. Es ist ein netter, kleiner Song, der einem auf die folgenden Großtaten vorbereitet.

„People Who Eat Darkness“ gehört wieder zu den düsteren Songs des Albums. Wie auch schon „The Same Asylum As Before“, geht es wieder in die rockigere und härtere Richtung, ohne dabei aber zu übertreiben. Dieses Mal hat sich Wilson wohl vom Punk beeinflussen lassen. Aber auch hier höre ich eine Portion Porcupine Tree raus. „People Who Eat Darkness“ gehört für mich zwar jetzt nicht zu den Favoriten des Albums, kommt aber abwechslungsreich und groovig daher.

Ein weiterer interessanter Song ist „Song of I“. Gesangliche Unterstützung erhält Wilson dieses Mal von Sophie Hunger, eine Sängerin und Songwriterin aus der Schweiz. Entstanden ist ein atmosphärischer, leicht düsterer Song, der seine Kate Bush, David Bowie und Peter Gabriel (und Depeche Mode, Prince usw.….) -Einflüsse nicht leugnen kann. Mir gefallen vor allem der Refrain und der symphonische Mittelteil. Sophie Hunger hat eine erotisch-verführende und geheimnisvolle Stimme. Auch zu diesem Song wurde ein Musikvideo gedreht, welches absolut perfekt ist. Zusammen ist das einfach Kunst, die dazu noch sehr gut produziert ist! „Song of I“ hat mich von Anfang an beeindruckt und gehört definitiv zu meinen Favoriten des Albums.

Es folgt das fast zehnminütige „Detonation“. Auch dieser Song zeichnet sich durch eine düstere Atmosphäre aus, gepaart mit teils verfremdenden Sounds. Dazu trägt im hohen Maße auch der Songtext bei, der von Terrorismus und religiösem Extremismus handelt. Keine leichte Koste also. Musikalisch zeigt Steven Wilson noch mal allen, was er drauf hat. Der Song steigert sich immer weiter und mündet in einen grandiosen Instrumentalteil. Ein richtig schönes Gitarrensolo ist dann die Krönung. So ganz kann es Wilson mit den epischen Songs doch nicht lassen. „Detonation“ ist mit Sicherheit eins der stärksten Songs des neuen Albums.

Nach diesem aufwühlenden Lied folgt mit „Song Of Unborn“ abschließend eine Ballade. Im Songtext wird die Sicht eines ungeborenen Kindes thematisiert. Die Stimmung ist gedrückt, ja gar melancholisch. Zum Ende wird der Song aber doch noch hoffnungsvoller.

Don't be afraid to die
Don't be afraid to be alive
Don't be afraid to die
Don't be afraid to be alive

Don't be afraid

Ein Hoffnungsschimmer sozusagen. Unterstützt wird er von einem dezent arrangierten Chor. Ein schönes Ende eines abwechslungsreichen Albums.

Das war es mit dem Album. Manche Sorgen, er würde sich mit diesem Album zusehends vom Progressive Rock verabschieden und stattdessen puren Pop abliefern, sind zum unbegründet. Einzig „Nowhere Now“ und das frohe „Permanating“ gehen in die Richtung. Aber alle anderen Songs sind in ihrer Art immer noch Steven Wilson-Songs, nur wieder etwas anders als auf den Vorgängeralben. Der Mann hat sich weiterentwickelt, kann aber seine Porcupine Tree – Wurzeln nicht leugnen. Auch die eingangs erwähnten Einflüsse mancher großartiger Art-Rock/Art-Pop Alben sind definitiv herauszuhören. Er hat aus all diesen Zutaten ein wunderbares und abwechslungsreiches Album erschaffen. Songs wie „Refuge“, „The Same Asylum as Before“ oder „Song of I“ sind einfach perfekt. Und nicht zu vergessen das düstere „Detonation“. Und selbst das poppige (als ob Pop-Musik etwas richtig Schlimmes wäre) macht richtig Spaß. Das ganze Album bietet einfach schöne Musik.

Ihr hört es schon raus: Ich wurde mit dem Album bisher keinesfalls enttäuscht. Somit kann ich auch ruhigen Gewissens 5 von 5 Sternen geben.

Ob es sich bei „To the Bone“ um das „Album des Jahres“ oder „Meisterwerk“ handelt, kann ich natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Dafür ist es selbstverständlich viel zu früh. Aber wenn der positive Eindruck anhalten wird und sich die Songs noch weiter in meinem Kopf festsetzen werden, besteht die Möglichkeit dazu. Ansonsten kann ich allen anderen nur sagen: Bitte gebt dem Album eine Chance. Hört es Euch mehrmals in Ruhe an. Lasst die Songs sich entfalten. Und Steven Wilson soll einfach weiter machen und sich gerne immer wieder neu erfinden. Ich bin mir sicher, dass er uns nicht enttäuschen wird.

(Wenn ihr Fragen, Anmerkungen oder Kritik bezüglich meiner Rezension habt, dürft ihr dies gerne in den Kommentaren kundtun.)




Bild der CD-Ausgabe

Bilder der Vinyl-Ausgabe (limited Edition with special print inside):







Dienstag, 28. März 2017

Mike Oldfield: Return to Ommadawn (Januar 2017)

Eine Rückbesinnung zu seinem ursprünglichen Stil



Da ist es endlich: „Return to Ommadawn“. Wir haben das Jahr 2017 und kein geringerer als Mike Oldfield, jenem dem schon in seinen Frühzeiten als Musiker das Markenzeichen als Wunderkind haftete, veröffentlicht ein Sequel des 1975 erschienenen Albums „Ommadawn“. Dieses Album gehört mit Abstand zu seinen wahrhaften Großtaten als Musiker, wenn es nicht sogar das beste Oldfield-Album schlechthin ist. 42 Jahre später folgt die Fortsetzung mit dem passenden Titel „Return to Ommadawn“.
Es soll eine Art Rückbesinnung zu Oldfields ursprünglichem Stil sein: Die Mischung aus keltisch-irischem Folk, Rock, Klassik und Weltmusik. Größtenteils akustische und pastorale Musik wie er es einst früher machte. Wenn man beachtet, dass Oldfield musikalische Ergüsse der letzten Jahre nicht immer 100%ig zufriedenstellend waren, klingen jene Neuigkeiten sehr vielversprechend. Ich hatte selbst hohe Erwartungen, gehört doch gerade das originale „Ommadawn“ zusammen mit „Incantartions“ zu meinen Lieblingen des Oldfiled‘schem Oeuvre. Zur Vorbereitung auf das neue Album hörte ich mir neben dem Original noch „Hergest Ridge“ und „The Song of the Sun“ (Voyager) an.
Letztes Jahr gab es auf BBC 2 einen kurzen Ausschnitt von „Return to Ommadawn“ zu hören. Dummerweise (oder sollte ich lieber sagen – cleverer Weise) hörte dieses Schnipsel auf, als es spannend wurde. Demzufolge war mein Interesse auf das neue Album groß.

Als das Album dann erschien, wurde erst einmal alles genau inspiziert. Das Album beinhaltet zwei jeweils 21-minütige Instrumentals, welche ausschließlich von Mike Oldfield selbst geschrieben und produziert wurden. Ich finde so etwas in unserer heutigen Zeit immer wieder mutig (auch wenn es wohlmöglich keine Besonderheit mehr ist). Vor allem, weil er seinerzeit Tubular Bells 2003 in viele Einzelteile stückelte. Auch schön zu wissen, dass er alle Instrumente selbst einspielte. So besorgte er sich eine Gibson SG E-Gitarre, die er auch schon 1975 einsetzte. Spieltechnisch ist der Altmeister keineswegs eingerostet – man auchte nur mal auf das Bassspiel! Neben vielen weiteren Gitarren wie Mandoline, Flamenco-Gitarre oder der Ukulele gibt es unter anderem auch Tin Whistles, keltische Harfen und die Bodhrán zu hören. Einzig die Tasteninstrumente sind Plug-Ins, virtuelle Instrumente also. Darunter befinden sich neben Mellotron auch Solina Strings und diverse Orgeln. Dass man hier auf Software-Lösungen zurückgriff, stört mich nicht. Wichtig ist, was hinten herauskommt.

Die eigentliche Musik ist größtenteils ruhig gehalten, fast schon pastoral. Die teils wäldlich-ländliche Atmosphäre erinnert einem an „Hergest Ridge“. Das eigentliche Grundthema, welches immer wieder im Album auftaucht, ist sehr schön. Übrigens tauchen hier und dort ein paar kleine Details vom Originalalbum auf. Nett! Natürlich bleibt das Album nicht gänzlich in seiner pastoral anmutenden Atmosphäre. Nein, hin und wieder nimmt das Album Fahrt auf. Mir haben in diesem Zusammenhang vor allem die zweite Hälfte von Part I sowie das Ende von Part II sehr gefallen. Das Ende ist witzig gemacht, da Oldfield auch hier Anleihen des Kinderlieds „On Horseback“ eingebaut hat. Das hat mir sehr gefallen!

Kommen wir jetzt zu meinen Kritikpunkten. Was ich persönlich vermisse, ist etwas mehr Abwechslung wie auf dem Originalalbum. Ich hätte zum Beispiel sehr gerne die Uilleann Pipes noch gehört. Als großer Freund von der Band Iona hab ich eine Schwäche für dieses Instrument. Jene Uilleann Pipes waren auf Ommadawn Part II gemeinsam mit dem Akustikgitarrenspiel so schön betörend. Auch hätte Oldfield ruhig ein paar mehr Percussions einbauen können – es ist manchmal etwas zu sehr gitarrenlastig. Allerdings ist dies natürlich Jammern auf hohem Niveau, bitte sieht es mir nach.

Im Endeffekt bleibt ein schönes Album mit wenigen Kritikpunkten. Vor allem ist es schön zu wissen, dass Oldfield es offensichtlich noch drauf hat, solche Alben zu produzieren (63 Jahre ist aber auch noch kein Alter…). An das Original kommt „Return to Ommadawn“ natürlich nicht heran, alles andere wäre natürlich auch eine große Überraschung gewesen. Aber wem interessier das schon? „Return to Ommadawn“ ist einfach schöne Musik, die zu entspannen weiß. Im Kontext einer 15 Punkte Skale wären es 13 von 15 Punkte, macht hier aber trotzdem verdiente 5 von 5 Punkte.

(Wenn ihr Fragen, Anmerkungen oder Kritik bezüglich meiner Rezension habt, dürft ihr dies gerne in den Kommentaren kundtun.)